Nikita Petrow für RIA Novosti
Die Nato hat die Beitrittsabsagen an Georgien und die Ukraine mit der vollen Unterstützung für den geplanten US-Raketenschild in Europa ausgeglichen.
So lautet die inzwischen bereits zum Standard gewordene Beurteilung der Ergebnisse des jüngsten Nato-Gipfels in Bukarest sowie des darauf gefolgten Russland-Nato-Rats und des bilateralen Treffens der Präsidenten von Russland und den USA, Wladimir Putin und George W. Bush in Sotschi an der Schwarzmeerküste. Doch gegen diese Fragestellung erheben sich einige Bedenken.
In ihrer Schlusserklärung legt die Nato nicht auf die Aufstellung des amerikanischen Raketenschirms den Akzent, sondern auf den Aufbau eines europäischen Raketenabwehrsystems unter Einbindung der USA, der Nato und Russlands. Das ist jedoch ein ganz großer Unterschied.
Das europäische und das amerikanische Raketenabwehr-System unterscheiden sich prinzipiell. Während der europäische Raketenschild zum Schutz vor Kurz- bis Mittelstreckenraketen dient, die bei einer Fluggeschwindigkeit von höchstens fünf km/sec eine Reichweite von 500 bis 5500 Kilometer haben, soll das US-amerikanische strategische ABM-System strategische Raketen abfangen, die über 5500 Kilometer weit fliegen und die Geschwindigkeiten von über sieben km/sec erreichen können.
Russische Experten, darunter auch die militärischen, nehmen an der Entwicklung des europäischen Raketenabwehrsystems aktiv teil. Warum? Erstens, weil Russland ebenso wie die USA keine Kurz- oder Mittelstreckenraketen hat – diese wurden bereits 1991 entsprechend dem INF-Vertrag vernichtet. Zweitens, weil die Gefahr, dass Europa, und vor allem die südeuropäischen Staaten Griechenland, Bulgarien, Rumänien aber auch Italien und Frankreich mit solchen Raketen angegriffen werden, nicht völlig ausgeschlossen werden kann. Viele Staaten im Nahen Osten und in Nordafrika, von Syrien bis hin zu Libyen, besitzen Raketen mit einer Reichweite von 300 bis 600 Kilometer (wie zum Beispiel die sowjetischen Scud-C und Scud-D und deren Weiterentwicklungen). Auch der in Russlands Nähe liegende Iran hat solche Raketen. Wer weiß, wie die Situation in Zukunft aussehen wird – es wäre vernünftig, sich schon jetzt mit einem gesamteuropäischen ABM-System vor Angriffsrisiken abzusichern.
Russische Militärspezialisten und ihre Nato-Kollegen haben diesbezüglich bereits mehrere Beratungen durchgeführt und sogar Stabs- und Kommandoübungen auf Computern simuliert. Ergebnisse der „virtuellen Manöver“, von denen eines auf einem US-Stützpunkt in Deutschland stattfand, wurden zwar nicht veröffentlicht. Doch es ist bekannt, dass ihre Teilnehmer zufrieden waren. Es gibt Hoffnungen und Pläne, dass die Kooperation auf diesem Gebiet eine reale vertragsrechtliche Gestalt annehmen und zur Entstehung eines echten Raketenabwehr-Systems in Europa führen wird.
Es stehen aber einige politische und wirtschaftliche Hindernisse im Wege. Die Nato-Staaten sind nämlich uneins, bei welchen Herstellern die Kriegstechnik, Radaranlagen und Flugabwehr-Waffen für den gemeinsamen Raketenschild bestellt werden sollen. Die Leiter dieses Projekts lehnen die russischen Rüstungen ab und setzen auf die amerikanischen Systeme, was nicht bei allen Nato-Staaten auf Zustimmung stößt. So besteht das Raketen- und Flugabwehrsystem Griechenlands allein aus den russischen Systemen Buk-M1, Tor-M1 und S-300PMU, die dem griechischen Militär als sicher und zuverlässig scheinen. Die Griechen verstehen nicht, warum sie für die Technik zahlen sollen, die ihnen nicht so recht passt.
Was das andere, rein amerikanische Raketenabwehrsystem anbelangt, das in Polen und Tschechien installiert werden soll, so hat dieses keine direkte Beziehung zur Nato. Der Nato-Generalsekretär Jaap Hoop de Scheffer sagte auf der Abschlusspressekonferenz in Bukarest ohne Umschweife: Der ABM-Schild in Polen und Tschechien sei Gegenstand der Verhandlungen zwischen Washington und Moskau.
Die Präsidenten beider Staaten konnten vorige Woche bei ihrem Treffen in Sotschi keine Einigung in dieser Frage erzielen. Die USA wollen eine Radaranlage in Tschechien und zehn Abfangraketen in Polen stationieren, um sich angeblich vor einem möglichen Raketenüberfall aus Iran zu schützen. Da Iran keine Raketen hat, die bis nach Europa reichen, sieht Russland das US-Raketenabwehrsystem in Osteuropa gegen sich gerichtet. Laut Moskauer Militärexperten will das Pentagon mit seinen GBI-Abwehrraketen (Ground Based Interceptor) das Abschreckungspotential der in Zentralrussland stationierten Atomraketen herabsenken. Obwohl Putin nach dem Treffen mit Bush in Sotschi mit vorsichtigem Optimismus äußerte, dass eine Einigung mit den USA doch erzielbar sei, sind vorerst keine Umrisse der zukünftigen Vereinbarung erkennbar.
Zweifelhaft ist auch die von der Nato stark angepriesene Idee einer Vereinigung des amerikanischen ABM-Systems mit dem europäischen Raketenschild. Laut russischen Spezialisten wäre das sehr schwierig, wenn nicht unmöglich. Die beiden Systeme werden nämlich in unterschiedlichen Milieus eingesetzt. Während das europäische System gegen Raketen bestimmt ist, die mit relativ geringen Geschwindigkeiten in der Erdatmosphäre fliegen, liegt der Wirkungsbereich des amerikanischen Systems außerhalb der Erdatmosphäre. Außerdem fliegen die Interkontinental-Raketen mit sehr hohen, häufig mit Hyperschallgeschwindigkeiten. Das erfordert ein ganz anderes Lenksystem für die Abfangraketen.
Die strategischen Langstreckenraketen sind zudem mit Mehrfachsprengkörpern ausgestattet, die sich im Flug teilen und Täuschkörper ausstoßen. Der Kampf gegen solche Raketen erfordert andere Techniken und Ausrüstungen als der Kampf gegen Kurzstreckenraketen. Wie das zu einem System vereinigt werden kann, bleibt unklar.
Die Zusammenarbeit Russlands mit den USA und der Nato beim Aufbau eines gemeinsamen Raketenabwehrsystems muss auf der gegenseitigen Achtung der nationalen und Wirtschaftsinteressen basieren und Urheberrechte der Konstrukteure von Kriegstechnik schützen. Moskau ist zu solch einer Kooperation bereit.
Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.