Ilja Kramnik, RIA Novosti
Die globale Klimaerwärmung verwandelt sich allmählich von einem wissenschaftlichen Phänomen zu einem politischen Faktor.
Das Eisschmelzen und die Verlängerung der Navigationszeit im hohen Norden soll den Zugang zu den Bodenschätzen und den Ressourcen des Nordpolarmeeres erleichtern. Praktisch alle Anrainerstaaten bauen gegenwärtig ihre Aktivitäten in der Arktis aus: Angesichts der bevorstehenden Streitereien um die Zugehörigkeit des arktischen Gewässers, des Schelfs und der Ressourcen wollen sie ihre Positionen bereits jetzt maximal festigen.
Das Interesse für die Arktis hat eine weitere Erklärung: Mit einer eventuellen ganzjährigen Seefahrt über den Nördlichen Seeweg (sei es auch mit Hilfe von Eisbrechern in der Winterzeit) wird auf den Landkarten eine weitere strategisch wichtige Route zwischen Europa und Asien entstehen, deren Start bedeutender sein könnte als die Inbetriebnahme des Suez- und des Panama-Kanals zusammen genommen.

Eine verständliche Folge der Intensivierung der wissenschaftlichen und der wirtschaftlichen Aktivitäten in der Arktis war das zunehmende Interesse der Militärs für diese Region, deren Pflicht darin besteht, die Interessen der jeweiligen Länder bei eventuellen Konflikten zu schützen. Hier lassen sich bereits mögliche Punkte der Interessenkollision prognostizieren.
Beginnen sollte man mit den Ressourcen. Die Preise für die fossilen Brennstoffe steigen kontinuierlich, was dieses Thema besonders aktuell macht. Zum Zankapfel könnten hier nicht nur die Lagerstätten in den formell neutralen Gewässern, sondern auch die Vorkommen werden, die zu den Wirtschaftsgewässern eines konkreten Landes gehören.
Nicht weniger interessant sind die Transportmöglichkeiten in der Arktis. Der Nördliche Seeweg bietet nämlich die kürzeste Strecke zwischen Westeuropa und Ostasien. Macht man sich etwa aus den Niederlanden auf den Weg nach Japan, so müssen auf diesem Weg rund 14 000 Kilometer zurückgelegt werden. Der Weg über den Suez-Kanal und das Indische Ozean ist hingegen 20 000 Kilometer und die Route über den Atlantik, den Panama-Kanal und den Pazifik sogar 24 000 Kilometer lang. Die größeren Schiffe, die für den Panama- und den Suez-Kanal eben zu groß sind, müssen sogar um Afrika herum fahren und dabei rund 27 000 Kilometer zurücklegen.
Die sich bietende radikale Abkürzung verspricht ein stürmisches Wirtschaftswachstum der Häfen am Nördlichen Seeweg und der anliegenden Gebiete. Davon würden in erster Linie Norwegen und Russland profitieren.
Weitere Folgen dieser Entwicklung wären der Ausbau der Küsteninfrastruktur und eine Verstärkung der militärischen und der Grenzkontrolle zum Schutz vor Schmugglern, Wilderern und Piraten. Auch die ausgebauten Häfen würden dann in militärischer Hinsicht durchaus attraktive Ziele darstellen und deshalb einen verstärkten Schutz erfordern. Die arktischen Gebiete würden damit erstmals als Ziele für eine eventuelle Okkupation verlockend sein.
Nicht zu vergessen sind auch die Bioressourcen der Arktis. Die wachsende Weltbevölkerung wird zwangsläufig eine Steigerung der Fischerei erfordern, darunter auch im Norden. Zu Fischfang-Konflikten kommt es in dieser Region bereits jetzt. Mit der zunehmenden Ausbeutung und der wachsenden Konkurrenz würde auch die Zahl der Konflikte zwangsläufig steigen.
Momentan besitzt Russland die stärksten Positionen, was den Schutz der Interessen und den Ausbau des Einflusses anbelangt. Russland kontrolliert den Nördlichen Seeweg und besitzt dort eine Infrastruktur, darunter Städte und Häfen, die die Basis für die weitere Entwicklung bieten könnten. Seit vielen Jahren erforscht Russland die Region hinter dem Polarkreis, unter anderem mit Hilfe von driftenden Forschungsstationen. Auf diesem Wege wurden bereits umfangreiche und einmalige Daten über die Region erworben. Außerdem besitzt Russland eine leistungsstarke Eisbrecherflotte, darunter auch Atom-Eisbrecher, die ganze Schiffkarawanen unter komplizierten Bedingungen durchbringen können.
Zu guter Letzt verfügt Russland auch über das stärkste Militärpotential in der Arktis: Dort ist die Nordflotte und zahlreiche Einheiten der Luftwaffe stationiert, die vielfach größer sind als die Kräfte, die die übrigen Länder der Region dort ständig haben. All das soll ein gewichtiges Argument bieten, das die Ansprüche auf einen Ausbau des Polar-Besitzes untermauern würde.